Büdingen und der Denkmalschutz PDF Drucken E-Mail
Dem Frosch aufs Maul geschaut
Dienstag, den 07. September 2010 um 20:34 Uhr
oder
die Maisgelb-Definition und warum Blumen vor den Fenstern nicht erlaubt sind

Die Vernachlässigung eben dieses Erbes würde nicht nur an einem lebendigen Schaustück Deutscher Geschichte, sondern am Fortbestand und Ausbau des Tourismus – und somit die finanzielle Lage ganz Büdingens - einen nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichten. Denkmalschutz in Büdingen treibt allerdings zuweilen seltsame Blüten.

So steht zum Beispiel die Frage, warum bei einem Haus bleiverglaste Fenster zur Auflage gemacht werden, wenn sich in der Umgebung kein einziges anderes Haus mit eben diesen bleiverglasten Fenstern zu finden ist…und das wohl aus gutem Grund. Denn wenn diese Fenster auch für eine „optimale Lüftung“ sorgen (soll heißen: es zieht an allen Ecken), so zeigen sich auch gravierenden Nachteile. Wenn man sie innen putzt, läuft außen das Wasser die Scheiben herab…
Doch es kommt noch besser:
In einen Scheunenumbau (zum Wohnhaus) gehören braune Fenster. Sagte jedenfalls die Denkmalbehörde. Hmm…
Die Wohnhäuser in der Umgebung haben weiße Fenster. Obwohl es sich bei diesen zum großen Teil um umgebaute Scheunen handelt. Ist ja auch kein Wunder, betrachtet man Büdingens Geschichte mit seinem ehemaligen Bauern-Bürgertum. Heute braucht man die alten Scheunen nicht mehr und so wurde ein großer Teil zu Wohnungen umgebaut – das schafft Wohnraum mit Atmosphäre und die Gebäude werden erhalten, somit sollten also eigentlich alle Seiten zufrieden sein. Nur mit den braunen Fenstern war der Eigentümer nicht so glücklich.
Dann ging es um die Farbe der Fassade. Ist ganz sinnvoll, so etwas festzulegen, wir sind hier ja nicht im Lego-Land. Denkt man an die Ausrutscher farblicher Gestaltung, die einem bei einer Fahrt durchs Land so „ins Auge springen“ – Aua. Vielleicht wäre es sogar sinnvoll, für ALLE Gebäude eine Farbpalette zu erstellen, mit der festgelegt wird, was der Allgemeinheit zuzumuten ist.
Weiß oder Hellbeige wäre dem Eigentümer des Scheunenumbaus recht gewesen. Nun sind das ja recht „übliche“ Fassadenfarben und auch in der Büdinger Altstadt häufig anzutreffen. Aber nichts da – Gelb muss das Haus werden, Maisgelb. Sagte jedenfalls die Denkmalbehörde. Hmm…
Was hat das nun bitte mit „historisch“ zu tun? Oder ist mir da was entgangen und alle Büdinger haben früher ihre Scheunen gelb gestrichen? Kaum anzunehmen. Gelb waren die Ställe vielleicht im unteren Bereich – da, wo immer die Kühe angebunden wurden…
Maisgelb. Maisgelb ist bei vielen Herstellern von Fassadenfarben eine leuchtend gelbe Angelegenheit. Da kam bei den Besitzern der ehemaligen Scheune die Idee hoch, noch ein schwarzes Posthorn aufs Haus zu malen und schon würden alle Leute ihre Briefe vorbeibringen…
Zum Glück für die tapferen Häuschen-Umbauer war aber nirgendwo festgeschrieben, von welchem Hersteller sie ihr Maisgelb denn nun zu beziehen hätten. Und so fand sich eine Firma, die bei ihrer Mixtur wohl eher an Maiskolben in zartem Alter dachte – und dann sind diese eher hellbeige als gelb. Das Streich-Ergebnis war für den Betrachter recht angenehm, die Denkmalbehörde murrte, war aber mit eigenen Waffen geschlagen worden.
Weiter ging es mit der Pflasterung des Hofes. Da hätte man gerne das Pflaster genommen, das dem Nachbarn vorgeschrieben worden war. Durfte man aber nicht. Nach einigem Gezerre wurde es dann gelegt – und liegt heute noch. Wenn man an die Vielzahl Büdinger Straßenbeläge denkt, hat diese Ecke wirklich Glück gehabt.
Zum Schluss – man glaubt es kaum – stritt man sich über die Anbringung von Balkonkästen.
Balkonkästen gehören nicht hier her. Sagte jedenfalls die Denkmalbehörde. Genauer sagte sie: „Wir sind hier ja nicht in Oberbayern!“ Hmm…
Die Ortsbestimmung war in Ordnung. Nicht in Ordnung fanden die Eigentümer des besagten Häuschens ihre Blumenlosigkeit.
Da nahte die Rettung in Form einer Aktion, die manche Büdinger – mehr oder weniger liebevoll – „Die Ente Florale“ nennen. Blumen braucht die Stadt. Sagte jedenfalls die Stadt. Also nichts wie hin und angemeldet. Trotz einiger Schwierigkeiten durften die Scheunenumbaubesitzer am Wettbewerb teilnehmen und somit auch Balkonkästen vor ihre Fenster hängen. Die Denkmalbehörde bemerkte die Balkonkästen, drohte, aber man hatte ja nun die Erlaubnis der Stadt. Und beim Wettbewerb sogar noch einen Preis gewonnen…
Bei allen diesen strengen Auflagen bleibt es ein Geheimnis, warum manche Häuser in der Altstadt mit großflächigen Kunststofffenstern ausgerüstet werden konnten – vielleicht auch noch in Kombination mit Rollladenkästen und dazu die „Schüssel“ auf dem Dach.


01.07.2005

 
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